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Stellen Sie sich einen ganz normalen Dienstagabend am Bonner Hauptbahnhof vor. Die letzte Bahn nach Tannenbusch ist weg, der nächste Bus kommt in vierzig Minuten – und am Straßenrand steht ein E-Scooter, der die Lücke schließt. Gleichzeitig liegt hundert Meter weiter ein anderer Scooter quer über dem Blindenleitsystem und macht den Gehweg für eine sehbehinderte Person zum Hindernisparcours. Beides ist Bonner Alltag, und beides gehört zur selben Debatte: Wie viel Ordnung braucht Mikromobilität, und wie viel Angebot braucht eine Stadt, die für junge Menschen attraktiv bleiben will?
Genau diese Debatte kommt jetzt in den Rat.
Am 18. August 2026 hat die BBB-Fraktion einen Antrag eingebracht: „Regulierung des E-Scooter Verkehrs in Bonn" (Drucksache 211958-07). Die Beratungsfolge ist lang und gründlich: Anhörungen in allen vier Bezirksvertretungen (Bonn am 8. September, Hardtberg am 22. September, Beuel am 14. Oktober, Bad Godesberg am 4. November), eine Empfehlung des Ausschusses für Mobilität und Verkehr am 15. September – und die Entscheidung im Rat am 12. November 2026.
Der Antrag will im Kern das Kölner Modell nach Bonn übertragen. Konkret fordert er:
Fangen wir mit dem Positiven an, denn davon gibt es einiges – und es wäre unfair, das unter den Tisch fallen zu lassen.
Wer mit Leihfahrzeugen im öffentlichen Raum Geld verdient, muss auch für Ordnung sorgen. Das ist keine radikale Forderung, sondern eine Selbstverständlichkeit, die bisher schlicht nicht durchgesetzt wurde. Fußpatrouillen und eine 30-Minuten-Frist für falsch abgestellte Scooter sind keine Schikane – sie sind Betriebskosten eines Geschäftsmodells, das öffentlichen Raum als kostenlose Infrastruktur nutzt. Köln zeigt bereits, dass das funktioniert: Dort laufen sogar anbieterübergreifende Patrouillen, gemeinsam finanziert von den Verleihfirmen.
Das ist genau die Art von Politik, die wir uns häufiger wünschen: Ein konkretes, alltägliches Problem wird benannt, eine funktionierende Lösung aus einer Nachbarstadt wird geprüft, und die Kosten trägt, wer den Nutzen hat. Kein ideologischer Grabenkampf, sondern pragmatische Kommunalpolitik.
Ein quer auf dem Gehweg liegender Scooter ist für die meisten von uns ein Ärgernis, das man umkurvt und vergisst. Für blinde und sehbehinderte Menschen ist derselbe Scooter eine echte Gefahr, für Rollstuhlfahrende eine unüberwindbare Barriere, für Eltern mit Kinderwagen ein tägliches Hindernis. Dass der Antrag Blindenleitsysteme und Bordsteinabsenkungen explizit benennt – und die Behindertengemeinschaft künftig vor der Einrichtung neuer Shared-Mobility-Flächen beteiligen will, nicht erst danach – ist gute, inklusive Stadtpolitik. Beteiligung vor der Entscheidung statt Beschwerdemanagement danach: So sollte es immer laufen.
Der unscheinbarste Punkt des Antrags könnte langfristig der wertvollste sein. Anbieter sollen der Stadt regelmäßig Zahlen liefern: Flottengröße, Standorte, Verstöße. Damit ließe sich Verkehrspolitik endlich auf Evidenz statt auf Anekdoten bauen – wo machen Scooter tatsächlich Probleme, wo füllen sie Lücken im ÖPNV?
Einen Wunsch hätten wir allerdings sofort: Diese Daten gehören als Open Data veröffentlicht. Aggregiert, datenschutzkonform, maschinenlesbar. Dann kann jede Bürgerin und jeder Bürger selbst nachvollziehen, ob die Regulierung wirkt – und der im Antrag geforderte Sechs-Monats-Bericht schreibt sich fast von selbst. Eine Stadt, die von ihren Anbietern Transparenz verlangt, sollte diese Transparenz auch an ihre Bürgerinnen und Bürger weitergeben.
So sympathisch die Stoßrichtung ist – bei zwei Punkten lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Denn gut gemeinte Regulierung hat manchmal Nebenwirkungen, die im Antragstext nicht vorkommen.
Der Antrag verweist auf Köln: Dort ist eine Reduzierung von sechs auf drei Anbieter geplant, mit einer Limitierung auf 10.000 Fahrzeuge statt bisher 20.000. Für Bonn werden „analog" drei Anbieter und 2.500 Fahrzeuge vorgeschlagen.
Rechnen wir kurz nach: Köln kommt mit 10.000 Scootern bei rund 1,1 Millionen Einwohnern auf etwa 9 Fahrzeuge pro 1.000 Einwohner. Bonn käme mit 2.500 Scootern bei rund 330.000 Einwohnern auf etwa 7,5 pro 1.000. Der Bonner Deckel wäre also pro Kopf spürbar strenger als das Kölner Vorbild – obwohl der Antrag Köln ausdrücklich als Maßstab nimmt.
Das ist kein Weltuntergang, und vielleicht ist 2.500 sogar die richtige Zahl. Aber sie sollte transparent hergeleitet und offen diskutiert werden – mit Nutzungsdaten, nicht mit Analogieschluss. Genau dafür wäre übrigens die Datenpflicht aus demselben Antrag das perfekte Werkzeug: erst messen, dann deckeln.
E-Scooter werden überproportional von jungen Menschen genutzt – fahrbar ab 14 Jahren, ohne Führerschein, ohne eigenes Auto, ohne Fixkosten. Für Studierende und Auszubildende sind sie oft das Bindeglied zwischen der letzten Bahn und der eigenen Haustür. Gerade nachts, wenn der Bus nur noch alle 30 oder 60 Minuten fährt, ist der Scooter keine Spielerei, sondern schlicht der Heimweg.
Eine harte Deckelung hat hier vorhersehbare Nebenwirkungen:
Um nicht missverstanden zu werden: Der Antrag verbietet nichts, er diszipliniert. Das ist der richtige Ansatz. Aber Deckelung ohne Gegenangebot ist eben nur die halbe Verkehrswende. Wer das Angebot verknappt, ohne zu sagen, wie junge Menschen nachts von Poppelsdorf nach Auerberg kommen, regelt ein Symptom und schafft ein neues Problem.
Die Verwaltung soll laut Antrag bis Jahresende eine Beschlussvorlage erarbeiten. Das ist die Gelegenheit, aus einem guten Antrag eine sehr gute Regelung zu machen. Drei konkrete Ergänzungen:
Ordnung im öffentlichen Raum und ein gutes Mobilitätsangebot für junge Menschen sind kein Widerspruch – Köln macht gerade vor, dass beides zusammen geht. Bonn kann das auch. Man muss es nur wollen, und zwar in beide Richtungen.
Das Schöne an diesem Verfahren: Es ist noch nichts entschieden. Die Anhörungen beginnen am 8. September in der Bezirksvertretung Bonn, die Ratsentscheidung fällt erst am 12. November. Dazwischen liegen zwei Monate, in denen Bürgerinnen und Bürger ihren Bezirksvertreterinnen und Bezirksvertretern mitgeben können, was ihnen wichtig ist – ob das die freie Bordsteinkante ist, der bezahlbare Heimweg nach Mitternacht oder am besten beides.
Kommunalpolitik ist selten so greifbar wie hier: ein konkreter Antrag, ein klarer Zeitplan, öffentliche Beratungen in Ihrem Stadtbezirk. Nutzen Sie das.
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