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Nordbrücke und Luftqualität: Die Verwaltung antwortet — wir prüfen die Daten

Belege 16

2 Ratsinformation8 Verwaltung6 Presse

Im Juni hat ein Einwohner den Rat gefragt, was die Stadt seit der Sperrung der Nordbrücke für den Gesundheitsschutz tut (Einwohnerfrage 261275 , veröffentlicht 25.06.2026). Jetzt liegt die Antwort der Verwaltung vor: Stellungnahme 261275-01 ST (Original im ALLRIS ), Kenntnisnahme in der Bezirksvertretung Bonn am 8. September. Kernaussage: Es gibt keine Überschreitungen der EU-Grenzwerte, erhöhte Werte im Juni und Juli lagen an der Wetterlage, nicht an der Sperrung. Und: mehr Messstellen wird es nicht geben, das sei Sache des Landes.

Kann man so stehen lassen. Muss man aber nicht — denn die Daten dahinter sind öffentlich.

Wer misst was in Bonn

Zuständig ist das LANUK NRW mit seinem landesweiten Messnetz LUQS. In Bonn heißt das konkret (Stadt Bonn, Luftreinhaltung ):

  • Messstation Bonn-Auerberg, „An der Josefshöhe" — die einzige kontinuierliche Station im Stadtgebiet. Auf deren Tagesmittelwerte stützt sich die Stellungnahme.
  • Passivsammler für NO₂ in der Reuterstraße und der Bornheimer Straße — kleine Röhrchen, monatlich gewechselt, im Labor ausgewertet.
  • Neu seit 10. August 2026: eine vierte Messstelle an der Sankt-Augustiner-Straße nahe Konrad-Adenauer-Platz, also direkt im Beueler Verlagerungsverkehr. Erster voller Messmonat: September.

Alle Zeitreihen des LANUK — über 5.000, ab 2010, Stundenwerte ab 2020 — liegen offen auf luftqualitaet.nrw.de . Aktuelle Auerberg-Werte gibt es auch bei aqicn.org .

Drei Dinge, die auffallen

Auerberg liegt auf der falschen Rheinseite. Die Station, mit der die Verwaltung Entwarnung gibt, ist eine Hintergrundstation — linksrheinisch, weit weg von der Beueler Verkehrsverlagerung. Für die Frage „was atmen die Menschen an der St. Augustiner Straße" ist sie nur bedingt aussagekräftig. Genau deshalb ist die neue vierte Messstelle die eigentlich relevante. Deren Daten gibt es noch nicht.

„Keine Überschreitung der Tagesmittelwerte" ist präziser als es klingt. Einen EU-Tagesmittelgrenzwert gibt es nur für Feinstaub PM₁₀ (50 µg/m³, 35 erlaubte Überschreitungen pro Jahr). Für NO₂ — den Verkehrsschadstoff schlechthin — gilt ein Jahresmittel von 40 µg/m³, kein Tagesmittel (Richtlinie 2008/50/EG ). Die Aussage ist also formal korrekt und sagt über NO₂ in Beuel: nichts. Aber: die neue Luftqualitätsrichtlinie 2024/2881 senkt die Grenzwerte ab 2030 deutlich. Was heute „eingehalten" ist, ist es dann vielleicht nicht mehr.

Der Wetterlagen-Einwand ist prüfbar. Erhöhte Werte im Juni/Juli seien „für solche Wetterlagen typisch" — gut, dann vergleichen wir dieselben Monate der Vorjahre an derselben Station. Die Stundenwerte liegen offen auf luftqualitaet.nrw.de . Also haben wir nachgerechnet.

Nachgerechnet: die Auerberg-Zeitreihen

Grundlage sind die Stundenwerte der Station Bonn-Auerberg (Kürzel BONN) aus dem LUQS-Datensatz „Konti-Messwerte nach Komponenten" auf opengeodata.nrw.de , Stand 1. September 2026. Gerechnet haben wir schlicht Monatsmittel aus allen validen Stundenwerten; Werte unterhalb der Nachweisgrenze („<10") sind mit der halben Nachweisgrenze angesetzt. Für das erste Halbjahr 2025 liegen im offenen Datensatz keine Stundenwerte vor — das Jahr fehlt deshalb im Vergleich.

NO₂, Juni und Juli im Jahresvergleich:

xychart-beta
    title "NO2-Monatsmittel Bonn-Auerberg, Juni (Balken) und Juli (Linie)"
    x-axis [2020, 2021, 2022, 2023, 2024, 2026]
    y-axis "Mikrogramm pro Kubikmeter" 0 --> 20
    bar [15.7, 17.2, 14.7, 16.9, 14.0, 10.6]
    line [15.8, 15.8, 14.4, 12.3, 14.1, 11.1]

Quelle: LANUK NRW, LUQS-Messnetz, Station Bonn-Auerberg (BONN), NO₂-Stundenwerte aus OpenKontiLUQS_NO2_2020-2024.csv und OpenKontiLUQS_NO2_aktuell.csv , abgerufen am 1. September 2026. Lizenz: Datenlizenz Deutschland – Zero – Version 2.0 . Eigene Berechnung: arithmetisches Monatsmittel aller validen Stundenwerte.

Juni 2026: 10,6 µg/m³. Juli 2026: 11,1 µg/m³. Das sind die niedrigsten Juni- und Juli-Werte des gesamten offenen Zeitraums seit 2020 — an der Station, mit der die Verwaltung argumentiert, ist im Sommer der Sperrung beim Stickstoffdioxid nichts nach oben ausgeschlagen. Zum Jahresmittelgrenzwert von 40 µg/m³ ist der Abstand komfortabel; auch der ab 2030 geltende Wert von 20 µg/m³ wäre in diesen Monaten eingehalten.

Feinstaub PM₁₀, Wochenmittel im Sommer 2026, gegen den Tagesgrenzwert:

xychart-beta
    title "PM10 Wochenmittel Bonn-Auerberg, KW 18 bis KW 35 (2026)"
    x-axis [18, 19, 20, 21, 22, 23, 24, 25, 26, 27, 28, 29, 30, 31, 32, 33, 34, 35]
    y-axis "Mikrogramm pro Kubikmeter" 0 --> 55
    bar [14.7, 11.8, 6.3, 9.4, 16.8, 6.5, 7.3, 15.3, 23.4, 12.0, 11.8, 17.1, 13.7, 13.2, 13.4, 18.9, 8.7, 10.5]
    line [50, 50, 50, 50, 50, 50, 50, 50, 50, 50, 50, 50, 50, 50, 50, 50, 50, 50]

Quelle: LANUK NRW, LUQS-Messnetz, Station Bonn-Auerberg (BONN), PM₁₀-Stundenwerte aus OpenKontiLUQS_PM10_2020-2024.csv und OpenKontiLUQS_PM10_aktuell.csv , abgerufen am 1. September 2026. Lizenz: Datenlizenz Deutschland – Zero – Version 2.0 . Eigene Berechnung: Tagesmittel aus mindestens 18 validen Stundenwerten, daraus Wochenmittel; Grenzwertlinie nach Richtlinie 2008/50/EG .

Die Linie ist der EU-Tagesgrenzwert von 50 µg/m³. Der höchste Tagesmittelwert zwischen Juni und August 2026 lag bei 32 µg/m³; überschritten wurde der Grenzwert 2026 an genau einem Tag, dem 10. März, mit 55 µg/m³ — Wochen vor der Brückensperrung. Der leichte Anstieg der Monatsmittel im Juni und Juli 2026 gegenüber 2023 und 2024 ist real, bewegt sich aber im Rauschen der Vorjahre: Juni 2021 lag mit 21,7 µg/m³ deutlich höher.

Die Entwarnung der Verwaltung ist an dieser Station also belegbar. Nur belegt sie eben das, was sie misst: linksrheinischen Hintergrund, nicht Beueler Verkehr.

Was jetzt

Die Passivsammler-Ergebnisse der neuen Beueler Messstelle werden erst mit Laborvorlauf publiziert. Bis dahin: UIG-Anfrage via FragDenStaat an die Stadt bzw. das LANUK. Umweltinformationen sind herauszugeben, auch Rohdaten.

Und der Beratungsvorgang selbst? Läuft schon durch unsere Pipeline — die Einwohnerfrage über den OParl-Spiegel , die Stellungnahme als Vorlage in Lage.Bonn . Als nächstes kommen die Messreihen dazu — als Ereignisse mit Provenienz, verknüpft mit der Sperrung und den Notfallmaßnahmen des Rates. Messwerte ohne Kontext sind Zahlen. Messwerte mit Kontext sind Argumente.

flowchart LR
    A["Einwohnerfrage 261275<br/>ALLRIS"] --> B["OParl-Spiegel"]
    C["Stellungnahme 261275-01 ST<br/>ALLRIS"] --> D["Vorlage in Lage.Bonn"]
    E["LUQS-Stundenwerte<br/>opengeodata.nrw.de"] --> F["Messreihe Bonn-Auerberg"]
    B --> G["Vorgang Nordbruecke:<br/>Sperrung, Notfallmassnahmen,<br/>Luftqualitaet"]
    D --> G
    F --> G

Quellen: Einwohnerfrage 261275 und Stellungnahme 261275-01 ST aus dem Bonner Ratsinformationssystem über die OParl-Schnittstelle; Messreihen vom LANUK NRW .

Von hier aus weiter

01

Zum Arbeitskreis kommen

Montags 18:30 · online · ca. 90 Minuten

Offen für alle. Keine Anmeldung, keine Vorkenntnisse nötig.

Arbeitskreis
02

Die Daten selbst durchsuchen

Gespiegeltes Ratsinformationssystem

Vorlagen, Gremien, Personen und Sitzungen, durchsuchbar. Der Bestand ist unvollständig; wie unvollständig, steht dort.

OParl-Lite Bonn
03

Die Methode nachbauen

Quelltext auf Codeberg

Der Crawler, der Bonns Ratsdokumente einliest. Für andere Städte gedacht.

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