Radfahren in Bonn, aus offenen Daten gelesen
Seit kurzem gibt es eine Seite, die das Radfahren in Bonn ausschließlich aus offenen Daten zusammensetzt: lage.bonn.machdenstaat.de/fahrradfahren. Links die Tageszählungen der städtischen Fahrradmessstellen samt Trend und Wetter, rechts die Ratsvorlagen und Bürgermeldungen mit Bezug zum Radverkehr. Kein Kommentar, keine Wertung — nur das, was Verwaltung, Zählstellen und Meldeportale ohnehin veröffentlichen, an einer Stelle zusammengeführt.
Das lohnt einen doppelten Blick: einmal auf die Seite und woher ihre Daten kommen, einmal auf das, was sie über den Bonner Radverkehr gerade zeigt.
Eine Seite, die verweist statt kopiert
Lage.Bonn ist Teil des Civic-Tech-Projekts machdenstaat.de und wird im #B4mad Network entwickelt; der Quellcode liegt offen auf Codeberg. Die Seite beschreibt sich selbst als deterministischen Nachrichten-Aggregator: Sie holt lokale Feeds und offene Verwaltungs-APIs, verortet die Einträge bis auf Ortsteil-Ebene, entfernt Dubletten über Quellen hinweg und gibt einen Atom-Stream aus. Ausdrücklich ohne KI und ohne Umschreiben von Originaltexten.
Das tragende Prinzip steht auf der Quellen-Seite: verlinken, nicht kopieren. Gespeichert werden nur Metadaten — Titel, Zeitpunkt, Quelle — plus eine eigene Kurzfassung. Der eigentliche Inhalt bleibt bei Polizei, Generalanzeiger, Ratsinformationssystem oder Mängelmelder, wohin die Seite per Deep-Link führt. Für Ratsbeschlüsse bleibt das städtische OParl-System die maßgebliche Quelle. Das Angebot ist nicht kommerziell und nicht monetarisiert.
Dahinter steckt mehr Technik, als man einer Übersichtsseite ansieht: Collectors, ein Nachrichten-Bus, eine PostgreSQL-Datenbank und ein Monitor namens lage-monitor, der die angezeigten Zählwerte unabhängig gegen opendata.bonn.de prüft. Beim letzten Abgleich stimmten alle 20 Messstellen mit der amtlichen Quelle überein.
Eine Design-Festlegung hebt das Projekt von einer bloßen Linksammlung ab: Ereignis, Bericht und Behauptung werden getrennt gehalten. Was passiert ist, wer was darüber sagt und welche strittige Zahl von wem stammt — das soll nebeneinanderstehen, jede Angabe an ihre Quelle gebunden, statt zu einer glatten „Wahrheit" verrührt zu werden. Dazu kommen Datenschutz von Anfang an und der Verzicht auf einen eigenen erfundenen Standard: Die deutschen Begriffe lösen im Hintergrund auf etablierte Vokabulare wie NGSI-LD, schema.org und PROV-O auf. Lokal lesbar, technisch anschlussfähig.
Die Vision reicht dabei weiter als die heutige Seite. Drei Fragen soll das System einmal aus einem einzigen verlinkten Datenbestand beantworten: Wie geht es der Stadt? Wer kümmert sich um ihre Probleme? Und welche Angebote gibt es, um etwas zu ändern? Heute ist das ein Aggregator, morgen ein Lagebild — die Radverkehrsseite ist ein erster, gut sichtbarer Ausschnitt davon.
Insgesamt zählt die Quellen-Seite rund 29 aktive Datenquellen — von Feuerwehr und Bundespolizei über die Lokalpresse und den ADFC bis zu SWB-Störungsmeldungen, NINA-Warnungen und den Verkehrsmeldungen der Autobahn GmbH.
Was die Zählstellen zählen
20 automatische Dauerzählstellen erfassen den Radverkehr im Stadtgebiet rund um die Uhr; die Rohdaten stellt die Stadt unter der freien CC0-Lizenz bereit, stündlich und mit Standortkoordinaten. Am aktuell ausgewiesenen Tag (4. Juli 2026) führt die Kennedybrücke die Liste mit einer errechneten Gesamtzahl von 11.817 Rädern an, gefolgt vom Wilhelm-Spiritus-Ufer und der Südbrücke.
Aufschlussreicher ist eine Zahl weiter unten: Nordbrücke, 30. Nicht dreißigtausend — dreißig. Der Grund steht in den Ratsvorlagen direkt daneben.
Auffällig ist auch, was gerade die Bürgermeldungen dominiert: „Grünüberwuchs Verkehrsraum", wieder und wieder. Zugewachsene Radwege, eingewachsene Schilder, Brombeerranken, die in die Spur ragen, Glassplitter und Sand — gemeldet über den Bonner Mängelmelder, verlinkt ins Open311-Portal der Stadt. Der Generalanzeiger berichtete zeitgleich, dass die Stadt mit dem Rückschnitt kaum hinterherkommt. Die Sammlung macht damit ein Alltagsärgernis sichtbar, das sonst in Einzelmeldungen untergeht.
Die Lage auf der Straße
Dem Radverkehr in Bonn geht es, je nach Blickwinkel, gut oder zäh.
Die guten Zahlen zuerst: Der Radverkehrsanteil ist laut Stadt von 15 Prozent (2017) auf 21 Prozent gestiegen. 71 Prozent aller Wege werden inzwischen umweltschonend und platzsparend zurückgelegt; das 2019 beschlossene Ziel liegt bei 75 Prozent. Im ADFC-Fahrradklima-Test 2024 verbesserte sich Bonn um 0,2 auf die Note 3,6 und liegt damit bundesweit auf Platz 5 seiner Größenklasse, in NRW auf Platz 2 hinter der Fahrradstadt Münster. Der bundesweite Schnitt liegt bei 3,92. Und im internationalen Copenhagenize-Index 2025 taucht Bonn erstmals überhaupt auf — auf Platz 11.
Aber: Der Radentscheid, 2020 mit 28.074 Unterschriften getragen und im Februar 2021 mit 87 Prozent im Rat angenommen, sollte binnen fünf Jahren unter anderem 75 Kilometer Radweg schaffen. Die Stadt räumt in ihrem eigenen Transparenzbericht ein, hinter den Zielen zu liegen — besonders bei sicheren Kreuzungen und Einmündungen. Sichtbar vorangekommen ist vor allem ein Baustein: rund 40 Fahrradstraßen, eines der größten solchen Netze in Deutschland. Ausgerechnet daran entzündet sich Streit — im Pützchensweg wurden die Standards nach Anwohnerprotesten wieder zurückgenommen. ADFC und Radentscheid drängen deshalb darauf, sich auf zehn durchgehende „Velorouten" zu konzentrieren, statt überall Stückwerk zu markieren.
Und dann ist da die Nordbrücke. Seit dem 3. Juni 2026 ist die Friedrich-Ebert-Brücke (A565, Baujahr 1967) wegen struktureller Schäden am Tragwerk voll gesperrt — für Autos, aber auch für den Rad- und Fußverkehr. Rund 90.000 bis 100.000 Fahrzeuge täglich fehlt diese Rheinquerung, und den Radpendlerinnen und -pendlern fehlt sie ebenso. Die Folge steht in den Zähldaten: Nordbrücke bei 30, während die Stadt auf der Kennedybrücke eine starke Zunahme des Radverkehrs meldet. Dort werden die beiden Zweirichtungsradwege inzwischen zu Einrichtungsradwegen umgebaut, um das gefährliche Fahren in beide Richtungen zu entzerren. Auf Adenauerallee und Oxfordstraße richtet die Stadt vier Kfz-Spuren plus Fahrradschutzstreifen ein — ein Kompromiss, der noch niemanden ganz zufriedenstellt.
Der Rat hat im Juni 2026 ein erstes, neun Punkte umfassendes Maßnahmenpaket beschlossen, samt zeitweise kostenlosem ÖPNV auf Stadtgebiet. Über die Rheinquerungen wird nun grundsätzlich gestritten: In den Ratsvorlagen, die Lage.Bonn auflistet, tauchen Dringlichkeitsanträge zu einer eigenen Fuß- und Radverkehrsbrücke und zu einer Seilbahn auf — Projekte, die vorher Zukunftsmusik waren und jetzt plötzlich Tempo bekommen sollen. Der ADFC fordert parallel seit Jahren einen Radschnellweg entlang der A565 und verweist auf Bonns Ziel, bis 2035 klimaneutral zu werden.
Das ist der eigentliche Wert der Seite: Sie führt Zähldaten, Ratsvorlagen und Bürgermeldungen an einem Ort zusammen und überlässt die Deutung den Leserinnen und Lesern. Wer wissen will, wie es dem Radverkehr in Bonn geht, muss nicht mehr ein Dutzend Tabs offen halten. Manchmal genügt eine leere Zählstelle und der Antrag, der direkt daneben steht.
Quellennachweise
Die Seite selbst
- Lage.Bonn — Fahrradfahren: https://lage.bonn.machdenstaat.de/fahrradfahren (Tageszählungen, Ratsvorlagen, Meldungen; Stand der Zähldaten: 4. Juli 2026)
- Lage.Bonn — Quellenangaben: https://lage.bonn.machdenstaat.de/quellen (Datenquellen, Deep-Link-Prinzip,
lage-monitor) - Lage.Bonn — Vision: https://lage.bonn.machdenstaat.de/vision (drei Leitfragen, Trennung Ereignis/Bericht/Behauptung, Datenschutz)
- Lage.Bonn — Architektur & Datenmodell: https://lage.bonn.machdenstaat.de/datenmodel
- Quellcode (Codeberg): https://codeberg.org/machdenstaat/lage
- Vokabular: https://vocab.machdenstaat.de/lage/
- Rohdaten Fahrradmessstellen (Stadt Bonn, CC0), laut Quellen-Seite: https://opendata.bonn.de/dataset/fahrradmessstellen-bonn
Radverkehr in Bonn
- Radverkehrsanteil (21 %), Umweltverbund (71 %) und ADFC-Note 3,6 / Platz 5: Bundesstadt Bonn, „Fahrradklimatest: Stadt Bonn radelt sich weiter nach vorne" — https://www.bonn.de/pressemitteilungen/juni/fahrradklimatest-stadt-bonn-radelt-sich-weiter-nach-vorne.php
- ADFC-Fahrradklima-Test 2024, Bundesschnitt 3,92: ADFC — https://www.adfc.de/artikel/adfc-fahrradklima-test-2024-deutschland-verbessert-sich-minimal
- Radentscheid Bonn (28.074 Unterschriften, 87 %, sieben Ziele, 75 km): Bundesstadt Bonn — https://www.bonn.de/themen-entdecken/verkehr-mobilitaet/der-radentscheid.php
- Rückstand bei Kreuzungen, ca. 40 Fahrradstraßen: Transparenzbericht 2023/24, Bundesstadt Bonn — https://www.bonn.de/themen-entdecken/verkehr-mobilitaet/radentscheid-transparenzbericht-2023-24.php
- Copenhagenize-Index 2025 (Platz 11), Velorouten, Pützchensweg: Radentscheid Bonn — https://www.radentscheid-bonn.de/blog/category/radentscheid/
- Nordbrücke, Sperrung seit 3. Juni 2026, Baujahr 1967, ~90.000–100.000 Kfz/Tag: Autobahn GmbH — https://www.autobahn.de/planen-bauen/projekt/sperrung-bonner-nordbruecke
- Neuordnung Radverkehr Kennedybrücke, Schutzstreifen Adenauerallee/Oxfordstraße: Bundesstadt Bonn — https://www.bonn.de/pressemitteilungen/juni-2026/sperrung-der-nordbruecke-weitere-massnahmen-der-stadt.php
- Neun-Punkte-Maßnahmenpaket, kostenloser ÖPNV: Bundesstadt Bonn — https://www.bonn.de/pressemitteilungen/juni-2026/rat-beschliesst-erstes-massnahmenpaket-nordbruecke.php
- Radschnellweg A565, Klimaneutralität 2035: ADFC Bonn/Rhein-Sieg — https://bonn-rhein-sieg.adfc.de/artikel/adfc-prioritaeten-zur-kommunalwahl-2025-1
Alle Zahlen dieses Artikels stammen aus den oben verlinkten Quellen, abgerufen am 5. Juli 2026. Die Zählwerte der Fahrradmessstellen sind Tageswerte und schwanken mit Wochentag und Wetter.